Im Zug unterwegs

Geschichten vom Bahnfahren

Die Deutsche Bahn, meine Twitter-Timeline, der VFL Wolfsburg, Felix Magath und ich

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Gastbeitrag von Kerstin Hoffmann

Mit der Bahn ist es ja wie mit der Bundesliga. Wenn einer damit anfängt, sind plötzlich alle Bundestrainer … also: Bahn-Manager. Jeder wüsste, wie man es richtig anpacken müsste, und jeder hat etwas zu bemängeln und zu beklagen. Ich will nicht sagen, dass das alles unberechtigt ist. Ich will das auch gar nicht herunterspielen. Aber manche Geschichte hört sich dann doch so an, als hätte sie sich in den 1920-ern auf der Transsibirischen Eisenbahn zugetragen, und dann werde ich etwas misstrauisch.

Ja, o.k., gut, ich habe auch so meine Erfahrungen gemacht. Nicht nur einmal. Zum Beispiel im letzten heißen Sommer, als mein ICE nach Berlin plötzlich nicht in Essen, sondern in Hamm eingesetzt wurde und ich mich bei 35 Grad Außentemperatur– mit einem Ticket der 1. Klasse inklusive Sitzplatzreservierung in der Tasche – in einem überfüllten Gang stehend zwischen den Abteilen der 2. Klasse eines Regionalexpresses wiederfand. Und nachher, als im ganzen ICE die Klimaanlage und im Speisewagen die Kühlung ausgefallen waren. Aber, andererseits, kann man einem Unternehmen lange böse sein, dem man so wunderbare Wörter wie „Kulanzgetränk“ verdankt?

Also, was ich eigentlich erzählen wollte: Kürzlich habe ich in Köln im Kreise einiger mir virtuell sehr vertrauter Twitterer die neue Social-Media-Strategie der Deutschen Bahn kennengelernt. Natürlich schaue ich mit neugierigem Blick darauf, wie gerade dieses Unternehmen ein solches Projekt angeht; erst recht, wenn es solche Stürme wie die Geschichte mit dem Chefticket überstanden hat. Was haben sie für Lehren daraus gezogen? Wie machen sie es jetzt? Kriegen sie das auf Twitter wirklich so hin, wie sie es jetzt sorgfältig geplant haben? Und was wird wohl die Bahngemeinde zur geplanten Preiserhöhung auf der nagelneuen Facebook-Pinnwand schreiben?

Naja, und wie es am Rande solcher Veranstaltungen ist, auf denen man die oft über lange Zeit liebgewonnenen Gesichter aus der eigenen Twitter-Timeline von Nahem sieht: Du redest über dies und das. Du gibst damit an, dass du den Themenplan für’s eigene Blog schon bis in den Januar hinein fertig hast. Und plötzlich hast du dich, du weißt selbst nicht wie, bereiterklärt, einen Gastbeitrag für ein anderes Blog zu schreiben, in dem es um Bahn-Themen geht.

Da fiel mir zum Glück gerade eben wieder ein, wie ich einmal mit dem VfL Wolfsburg nach Duisburg gefahren bin. Nun verstehe ich nicht viel von Fußball. Wenn man mal von meinem denkwürdigen Interview mit Friedhelm Funkel, dem damaligen Trainer des damaligen Erstliga-Vereins Bayer Uerdingen, für ein Hochglanzmagazin vor rund 20 Jahren absieht. Dafür hatten sich, ich gestehe es ein, zuvor zwei befreundete Herren einen halben Tag lang die Fragen ausgedacht. Weswegen „Finke“ Funkel, wenn er sich überhaupt noch daran erinnert, wahrscheinlich der einzige Mensch auf der ganzen Welt ist, der glaubt, ich verstünde etwas von Fußball.

Jedenfalls, wovon ich eigentlich erzählen wollte: Ich bestieg an einem frühen Herbstabend im verregneten Hannover den ICE, in dem schon ungefähr 30 Männer in blau-weißen Trainingsanzügen saßen. Sogar ich habe gleich erkannt, dass es sich da um einen Verein handeln musste und dass das nicht irgendwelche Freizeitsportler waren. Daher habe ich den netten Herrn auf dem Sitz neben mir gefragt, wer sie denn seien. “Der VfL Wolfsburg”, war seine Antwort. Und ich: “Fußball, oder?” So war es dann auch. (Sogar 1. Bundesliga, nur für den Fall, dass Ihnen das auch nicht gleich eingefallen ist.)

Der Mann gehörte zum Trainerteam und war wirklich sehr freundlich. Wir haben uns fast zwei Stunden angeregt unterhalten, über Sport und über alles Mögliche. Ich habe viel über Fußball gelernt, vor allem über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Fußballern und des gesamten Teams. Zum Beispiel haben auch die Trainer fast nie ein Wochenende. Urlaub geht nur in der Winter- oder in der Sommerpause. Und sie reisen sehr viel herum – ist ja eigentlich auch klar, bei den vielen Auswärtsspielen. Dafür haben sie einen eigenen Koch, der sogar ins Hotel mitkommt und die Speisen dort auswählt.

Vielleicht war mein Sitznachbar auch froh, dass ihm mal endlich keiner was über Fußball erzählte oder ihm sagte, wie man es besser machen könnte. Das hätte ich auch nicht gekonnt, ich habe erst mit 39 Jahren gelernt, was eine Abseitsfalle ist.

Als der Zug in den Duisburger Hauptbahnhof einfuhr, stand ich plötzlich neben Felix Magath. Den kannte sogar ich aus der Zeitung und aus dem Internet. Er war kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte.

Naja, jedenfalls spielten die Jungs dann am nächsten Abend in Leverkusen. Ich habe ihnen sogar die Daumen gedrückt, aber vor den Fernseher hatte ich es dann doch nicht geschafft. Wie das Spiel ausging, habe ich vergessen. Wie die Rückfahrt aussah, weiß ich dafür aus erster Hand. Diesmal nicht mit dem Zug, sondern mit dem Bus, und egal, ob sie gewonnen oder verloren hätten: “Nach spätestens einer Stunde wird es ruhig im Bus und alle schlafen. So ein Spiel ist anstrengend, und Samstag ist gleich wieder Training.”

Im Grunde ist es ja mit der Bahn wie mit der Bundesliga. Zum Beispiel: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, beziehungsweise nach der Facebook-Page ist vor der Facebook-Page. Alle schauen zu. Alle wissen es besser. Und alle sind gespannt, wie es weitergeht.

Kerstin Hoffmann ist Kommunikationsberaterin und Texterin. Sie bloggt unter http://www.pr-doktor.de und twittert als @pr_doktor.

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